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Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Phil Innere Freiheit Leave a Comment

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Neulich las ich eine Geschichte über zwei Mönche, die ich dir nicht vorenthalten möchte:

Zwei Mönche sind auf Wanderschaft. An einem reißenden Fluss treffen sie eine junge, wunderschöne Frau, die sich nicht traut den Fluss zu überqueren.

Der eine Mönch hebt die Frau auf seine Schultern und trägt sie über den Fluss. Sie wandern weiter und der zweite Mönch ist empört über das Vorgehen des anderen. Ihr Gelübde verbietet ihnen den Kontakt zu Frauen, ja selbst eine Berührung ist ihnen verboten. Irgendwann, nachdem sie schon viele Kilometer weiter gewandert sind, fasst sich der zweite Mönch ein Herz und spricht seinen Mitbruder darauf an:

“Hör zu, ich werde unserem Vorsteher berichten müssen, was Du getan hast.”

“Worüber redest Du?”, fragt der erste Mönch zurück.

“Über die wunderschöne junge Frau, die Du nicht nur angerührt, sondern sogar über den Fluss getragen hast.”

“Oh ja”, sagte der erste Mönch.

“Es stimmt, ich habe die Frau über den Fluss getragen und sie schon vor Stunden am anderen Ufer abgesetzt.  Aber mir scheint, Du trägst sie noch immer mit Dir herum.”

 

Was ich an dieser Geschichte so besonders finde, ist nicht nur der schöne Aspekt der Hilfsbereitschaft, oder der Flexibilität auch einmal über Dogmen und Vorschriften hinwegsehen zu können, wenn es eine Situation, in der ein Mensch in Not steckt, verlangt.

Viel tiefer vergraben scheint mir ein anderer, kaum wahrnehmbarer Unterschied zwischen den beiden Mönchen zu sein.

Der eine Mönch, der selbstlos geholfen hatte, war relativ in sich ruhend, und genoss wahrscheinlich seine Wanderung .

Den Blick aufmerksam auf den Weg  gerichtet, hier und da das eine oder andere erblickt, was ihm früher verborgen blieb, strahlt er eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit aus.

Der andere Mönch jedoch, war die gesamte Zeitspanne mit einer einzigen Tatsache beschäftigt , nämlich dem Verbot und der drohenden Sanktion, wenn es bekannt wird, dass die beiden, oder in dem Fall der andere etwas Verbotenes getan hat.

Nicht nur, dass er sich den Kopf des anderen Mönchs zerbrochen hat, was er freilich mit dem eigenen Kopf tat, sondern er ging weiter, und bewegte sich mental in der Vergangenheit, und in der Zukunft hin und her, zwischen Tat und Sanktion.

Dadurch ist ihm ziemlich sicher das Meiste des Weges entgangen, und somit auch seine Präsens.

Und wenn wir ehrlich sind, und ganz aufmerksam, wir tun das alle mehr oder weniger Tag für Tag.

Wir bewegen uns mental in der Vergangenheit, indem wir an Dinge denken, die wir nicht mögen, und dann denken wir anschliessend  an die Zukunft, wo wir das, was wir nicht mögen, verbessern, oder aus dem Weg räumen wollen. Wir malen uns die Szenarien in bunter Vielfalt aus und fühlen manchmal sogar noch die mit den Situationen verbundenen Gefühle.

Nur scheint uns die Tatsache nicht bewusst zu sein, dass das was gewesen ist, das Vergangene,  nie mehr wiederkommen kann, es sei denn wir sorgen selbst dafür. Tun wir dies willentlich, und bewusst, wird das sicher den einen oder anderen Nutzen haben, doch was ist, wenn das was wir tun automatisch und nicht willentlich abläuft?

Stelle dir einmal eine ganz normale und alltägliche Situation vor:

Du wachst auf, und während du noch unter der Decke liegst, denkst du an das kommende Gehaltsgespräch in deiner Firma. Ein dezenter Schlag in die Magengrube gefüllt mit Adrenalin und leichter Beklemmtheit lässt dich zwar wacher werden, aber du denkst lieber nicht so weit nach vorne und denkst daran wie du gleich duschen wirst.

Du stehst auf und während du aufstehst, denkst du an das Zähneputzen.

Du putzt deine Zähne, und denkst an das Frühstück.

Du gehst unter die Dusche und du denkst daran, dass du noch dein Hemd bügeln wolltest.

Du ziehst dich an, und suchst bereits das Bügeleisen.

Du bügelst und denkst daran, wie du vor drei Wochen  das Bügeleisen auf dem Hemd liegen gelassen hast, als es an der Tür klingelte, und du nimmst dir vor, in Zukunft aufzupassen.

Du gehst aus der Tür und durch das Treppenhaus und fragst dich, ob das Auto anspringt.

Du fährst Auto und denkst daran, ob du einen Parkplatz finden wirst, dir fällt ein, dass du noch zur Bank musst. Du parkst und fragst dich, was alles an Arbeit ansteht.

Du arbeitest zügig, und denkst an das Gehaltsgespräch, und als es soweit ist, wird dir eröffnet, dass es ausfällt.

Du gehst zum Auto, und denkst vielleicht, wie eintönig deine Arbeit ist, als es zu regnen anfängt.

Du fährst Auto und du bemerkst, dass es zu spät ist um noch zur Bank zu gehen.

Du gehst stattdessen einkaufen und du denkst daran, was und wie du was essen wirst.

Endlich zu hause angekommen kochst du dein Essen und du denkst, was wohl im Fernsehen kommt.

Du siehst fern, und denkst dabei an den morgigen Tag, wieder arbeiten, wieder Parkplatz suchen, und die ganze Woche soll es regnen.

Dein Gefühl sagt Dir, irgendetwas läuft hier nicht richtig, und du hast so eine tiefe Vorahnung, als hättest du etwas verpasst, aber du hast keine Ahnung was.

Ich kann dir sagen was du verpasst hast:

Du bist aufgestanden und hast das Aufstehen mit all seinen Facetten verpasst, weil du schon beim Zähneputzen warst.

Du hast Zähne geputzt und hast das Zähne putzen verpasst, weil du schon beim Frühstücken warst.

Du hast geduscht und hast das Duschen verpasst, weil du schon beim Bügeln warst.

Und wenn wir vorspulen, dann hast du das Essen verpasst, weil du schon beim Fernsehen warst.

Wenn du so lebst, Tag für Tag , dann kann es gar nicht anders sein, dass du irgendwann das Gefühl hast, dass das Leben komplett an dir vorbeiläuft. Es verliert an Frische und an Echtheit, weil die Situationen, in den du dich befindest nicht echt sind, und die echten Situationen ausgeblendet werden.

Vielleicht fragst du dich jetzt, wie du sonst schnell und effektiv deinen Alltag meistern kannst, aber ich gebe dir Brief und Siegel, dass wenn du denkst, dass alles schneller und effizienter erledigt wird, wenn du dich bereits von dem was du tust entfernst  und schon an das Nächste denkst, erzeugst du lediglich Stress und keine Effizienz.

Du kannst die Dinge die du tust der Dinge wegen tun, und dabei kannst du genauso schnell und effizient arbeiten.

Gerade eben bin ich selbst Zeuge dessen geworden, wie ich mir auf den Leim gehe.

Ich stand auf, und habe mir mitten in diesem Artikel Kaffee geholt, und während ich mir den Kaffee eingieße, denke ich bereits daran, was ich dir als Nächstes schreiben werde. Während dessen habe ich meinen Zucker vergessen und viel zu viel Milch eingegossen.

Aber die Einsicht hat mich zum Lachen gebracht und ich habe gemerkt , dass ich noch viel Übung vor mir habe, um wirklich präsent sein zu können.

Du kannst folgendermaßen üben:

Mache dir das, was du gerade im Moment tust, mit all deinen Sinnen präsent.

Du putzt Zähne, dann achte auf den Geruch der Zahnpasta, oder den Klang der elektrischen Bürste.

Wie ist das Gefühl auf den Zähnen, spüre den Druck der Zanhbürste!

Du bügelst dein Hemd, dann achte auf die Geräusche des Bügeleisens, den Duft von frischer Wäsche und des Dampfes, fühle hin, wie warm das Kleidungstück ist.

Du gehst im Treppenhaus, und du hörst dem Klang deiner Schritte zu. Du fühlst deine Füße, wie der Fuß abrollt, und sich der Druck vom Ballen zum Fersen verlagert.

Du steigst in dein Auto, und riechst einmal kurz den Duft des Innenraumes. Du fühlst einmal, wie sich das Lenkrad anfühlt, versuchst einmal die Kupplung mit dem rechten Fuß überkreuz zu drücken und merkst, wie schwer es fällt im gegensatz zum linken Fuß.

Wenn du diese Schritte in dein Leben einbauen wirst, dann wird sich dein zeitlicher Ablauf nicht wesentlich verändern, aber das Leben gewinnt wieder an Frische, und du wirst das Gefühl haben, sehr viel aus deinem Tag mitnehmen zu können.

 

„Was ist Meditation?“ fragte ein Schüler seinen Meister.
„wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich esse, dann esse ich, und wenn ich schlafe, dann schlafe ich“ , sagte der Meister und seine Augen funkelten.

„Bist du in Eile, dann mache einen Umweg!“

 

 

(Bild von Andrea Zamboni)

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